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Wenn wir im Yoga von Vertrauen sprechen, meinen wir oft Vertrauen in uns selbst, in unseren Körper oder in den Prozess der Praxis. Die klassische tantrische Philosophie geht noch einen Schritt weiter: Sie fragt, wie Erkenntnis überhaupt möglich ist – und welche Rolle Vertrauen dabei spielt.

Hinweis: Mit „tantrischer Philosophie“ sind hier die philosophischen Traditionen Nordindiens gemeint, die sich ab etwa dem 8. Jahrhundert entwickelten, insbesondere im Kaschmirischen Śaivismus. Es geht dabei um Bewusstsein, Erkenntnis und spirituelle Praxis – nicht um die sexualisierten Tantra-Vorstellungen, die im Westen oft mit dem Begriff verbunden werden.

Vertrauen: Ein vertrautes Wort mit überraschender Tiefe

Überraschenderweise gibt es in den klassischen Sanskrit-Texten kein einzelnes Wort, das unserem modernen Verständnis von „Vertrauen“ exakt entspricht. Stattdessen begegnen uns verschiedene Begriffe, die unterschiedliche Facetten dessen beleuchten, was wir heute Vertrauen nennen würden:

  • Śraddhā, eine tiefe Zuversicht oder Offenheit gegenüber einem Weg.

  • Viśvāsa bezeichnet Vertrauen im Sinne von Gewissheit und Verlässlichkeit.

  • Pratyabhijñā verweist auf das Wiedererkennen der eigenen wahren Natur.

  • Anugraha, die göttliche Gnade, beschreibt die Erfahrung, dass Erkenntnis nicht allein durch Anstrengung entsteht.

Schon diese Vielfalt zeigt: Vertrauen wird im Tantra nicht in erster Linie als Gefühl verstanden. Es ist eine grundlegende Haltung gegenüber dem Leben, der Praxis und der Möglichkeit von Erkenntnis.

Śraddhā: Die Bereitschaft, einen Weg zu gehen

Jede Yogapraxis beginnt mit einem Schritt ins Unbekannte.

Niemand weiß in der ersten Yogastunde, welche Veränderungen sich nach Monaten oder Jahren zeigen werden. Niemand kann die Wirkung von Meditation allein durch Lesen verstehen. Und doch beginnen wir.

Genau hier setzt das Konzept der Śraddhā an.

Oft wird das Wort mit „Glaube“ übersetzt. Treffender wäre jedoch „vertrauensvolle Offenheit“ oder „Zuversicht“. Gemeint ist die Bereitschaft, sich auf eine Praxis einzulassen, bevor ihre Bedeutung und Wirkung vollständig erfahrbar geworden sind.

Śraddhā bedeutet dabei keineswegs blinden Glauben. Es geht nicht darum, etwas ungeprüft anzunehmen. Vielmehr geht es um die Offenheit, eine Erfahrung überhaupt zuzulassen.

Vertrauen als Voraussetzung von Erkenntnis

Die tantrische Philosophie stellt sich eine grundlegende Frage: Wie erkennen wir, was wahr ist?

Verlassen wir uns ausschließlich auf unseren Verstand? Auf spirituelle Texte? Auf Lehrerinnen und Lehrer? Oder auf unsere unmittelbare Erfahrung?

Der Kaschmirischen Śaivismus argumentiert, dass echte Erkenntnis weder allein durch Denken noch allein durch Glauben entsteht. Sie entsteht aus dem Zusammenspiel von Erfahrung, Reflexion und Praxis.

Der bedeutende Gelehrte Abhinavagupta beschreibt spirituelle Erkenntnis nicht als intellektuelle Schlussfolgerung, sondern als unmittelbares Erkennen. Damit dieses Erkennen überhaupt möglich wird, braucht es zunächst Vertrauen: die Offenheit gegenüber der Möglichkeit, dass die Wirklichkeit größer sein könnte als unsere bisherigen Vorstellungen.

Pratyabhijñā: Das Wiedererkennen dessen, was bereits da ist

Eine der zentralen Lehren des Kaschmirischen Śaivismus trägt den Namen Pratyabhijñā, was sich mit „Wiedererkennen“ übersetzen lässt.

Die Grundidee ist ebenso einfach wie radikal: Wir müssen nicht erst etwas werden. Wir müssen nicht irgendwo ankommen. Vielmehr geht es darum, die eigene wahre Natur wiederzuerkennen.

Die Philosophen dieser Tradition gingen davon aus, dass das individuelle Bewusstsein letztlich nicht vom universellen Bewusstsein getrennt ist. Spirituelle Praxis dient daher nicht dazu, etwas Neues zu erschaffen, sondern etwas zu erkennen, das immer schon vorhanden war.

Vertrauen bedeutet in diesem Zusammenhang, der eigenen Erfahrung Raum zu geben. Es bedeutet, nicht jedem Gedanken sofort Glauben zu schenken und dennoch offen zu bleiben für das, was sich jenseits unserer gewohnten Vorstellungen zeigen kann.

Die Welt ist kein Hindernis

Ein besonders faszinierender Aspekt der tantrischen Philosophie liegt in ihrem Weltverständnis.

Viele Menschen verbinden Spiritualität mit Rückzug, Verzicht oder der Überwindung weltlicher Erfahrungen. Der Kaschmirische Śaivismus vertritt jedoch eine andere Sichtweise.

Die Welt wird nicht als Täuschung betrachtet, die überwunden werden muss. Sie wird als Ausdruck desselben Bewusstseins verstanden, das auch in uns wirkt.

Daraus entsteht eine Form von grundlegendem Vertrauen:

  • Der Körper ist kein Hindernis auf dem spirituellen Weg.

  • Emotionen sind nicht grundsätzlich problematisch.

  • Sinnliche Erfahrungen müssen nicht abgelehnt werden.

  • Selbst schwierige Erfahrungen können zu Erkenntnis führen.

Der Religionswissenschaftler Gavin Flood beschreibt Tantra deshalb als einen Weg der Transformation und nicht der Verneinung menschlicher Erfahrung.

Diese Perspektive kann auch für moderne Yogapraktizierende inspirierend sein. Sie erinnert uns daran, dass Spiritualität nicht außerhalb des Lebens stattfindet, sondern mitten in ihm.

Vertrauen als Frucht der Praxis

Vielleicht liegt hier die schönste Einsicht der tantrischen Philosophie.
Vertrauen ist nicht nur der Anfang des Weges. Es ist auch sein Ergebnis.

Was zunächst als vorsichtige Offenheit beginnt, kann sich durch Erfahrung vertiefen. Mit der Zeit entsteht ein Vertrauen, das nicht mehr auf äußeren Bestätigungen beruht.

Ein Vertrauen in das Bewusstsein selbst.
Ein Vertrauen in die Verbundenheit mit dem Leben.

Die tantrischen Philosophen beschreiben diesen Zustand als unmittelbare Erkenntnis – eine Gewissheit, die nicht aus Überzeugungen entsteht, sondern aus direkter Erfahrung.

Vertrauen ist gelebte Offenheit

Vertrauen ist die Bereitschaft, sich auf einen Weg einzulassen, bevor alle Antworten bekannt sind. Es ist die Offenheit, Erfahrungen zu machen, Fragen auszuhalten und Erkenntnis wachsen zu lassen.

Vielleicht beginnt genau dort jede Yogapraxis: in dem Moment, in dem wir die Matte ausrollen, einen Atemzug nehmen und bereit sind, dem Prozess zu vertrauen – ohne bereits zu wissen, wohin er uns führen wird.

Bewusst. Glücklich. Sein

Vertreten durch

Jñana Véronique Wolfsteller

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